Die Tunte – queere Subkultur made in Germany

von Vivi Hießsienomma-Weißnich

Mit großen Augen stand ich vor einer Kleiderstange voller Pailletten, Röcke und großmütterlicher Kleidung. Ich durfte zum ersten Mal geschützt und ungezwungen Kleidung anprobieren, die die Gesellschaft nicht für mich vorsah. Dieses „Auffummeln“ war mein erster Kontakt mit der deutschen queeren Subkultur der Tunte.

Die ranzige Cousine der Dragqueen

Manchen ist der Begriff „Tunte“ vielleicht noch als Beleidigung geläufig, doch diese hat man sich wieder angeeignet und zu einer politischen Haltung gemacht. Dabei liegt die Tunte irgendwo zwischen politischer Kunstfigur und gelebtem Alltagsaktivismus. Wo Drag oft auf Perfektion setzt, pflegt die Tunte das Gegenteil: schlechtes Makeup, Chaos auf der Bühne und eine freie Schnauze. Eine Absage an Schönheitsideale und falsche Höflichkeit. Und vor allem ein politisches Statement für Sichtbarkeit.

Der Tuntenstreit

Und diese Haltung hat Wurzeln. 1973 organisierte die Homosexuelle Aktion Westberlin ein Pfingsttreffen mit Demo, an der auch männliche Aktivisten in Schminke und Frauenkleidung teilnahmen. Was folgte, war eine Strategiedebatte. „Erkämpft man Rechte durch Anpassung oder radikalen Ausbruch aus gesellschaftlichen Normen?“ Dieser sogenannte Tuntenstreit war richtungsweisend, er brachte zentrale queere Organisationen hervor und prägt den Kampf um Gleichstellung bis heute.

Ein Fels in der Brandung

Über 50 Jahre später, besonders fortgetragen von studentischen Queerreferaten, lebt die Tuntenkultur weiter: als Raum zur Selbstentfaltung, zur Vernetzung queerer Generationen und zum Finden von Wahlfamilien. Und in einem Klima, in dem rechte Kräfte gezielt queere Sichtbarkeit bekämpfen, ist die laute, schrille und aufdringliche Art der Tunte genau das, was wir brauchen.

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