von Nikotina
Als Tunte liebe ich es, mich zu echauffieren. Von meiner Mutter – Jutta Spritzpups, ihres Zeichens Exil-Aachenerin und mittlerweile wohnhaft in Berlin – habe ich gelernt, dass das Echauffieren zum guten Ton der tuntischen Kultur gehört – ebenso wie z.B. Kosteneffizienz oder auch Garstigkeit. Die II. Aachener Tuntendynastie hat mir eine Heimat gegeben, in der ich mich auf vielfältige Weise völlig neu erfinden und erproben konnte, obwohl ich mich schon lange in der Community bewege.
Ich bin quasi ihre Vertretung und das älteste Mitglied dieser bestehenden Familie. Oder ein Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Zu vergleichen mit der Ballroomkultur – allerdings in schäbig, nervig und, sagen wir mal, irritierend, dafür ohne den Glanz und Stil der DragQueens. Wir sind eher sowas wie die versoffenen Geschwister aus der Gosse.
Mir wurden Titel verliehen, ich habe Menschen in diese Familie aufgenommen, mit ihnen gemeinsam mein Leben bestritten und die Community mitgestaltet. Ich habe mit diesen Menschen demonstriert, geplant und durchgezogen. Wir haben an Veranstaltungen gearbeitet, gefeiert, gezweifelt und gezittert. Aber wir haben uns engagiert und gesehen, dass wir, wenn wir unseren Teil vom Kuchen haben wollen, selbst dafür in Aktion treten und ihn einfordern müssen – selbst dann, wenn das kein anderer wollte.
Ist es also relevant, wer ich bin? Oder was ich bisher geschafft habe? Was wir als Familienkreis darstellen oder andere über uns denken oder von uns halten?
Nein, bei weitem nicht. Einzeln sind wir nicht mehr als eine nervige Olle, die zetert, sich echauffiert und euch den Schaumwein stiehlt. Laut und unangenehm. Irritierend und auffällig unangepasst. In der Gemeinschaft ist es aber genau das, was relevant wird. Aber es reicht nicht, sich nur zu echauffieren. Stattdessen – oder darüber hinaus – braucht es klare Worte und Aktivismus, angereichert mit Pathos und einem übertriebenen Hang zur Konfrontation.
Und da fällt mir als erstes einer der Slogans der Freien Tunten Partei (FTP) ein, wenn ich an Aachen denke: „Aktivismus? Aber doch nicht jetzt um diese Zeit!“
Eine Situation, zu bekannt, um sie zu ignorieren, zu normal, um zu agieren.
Wir haben hier in Aachen, ehrlich gesagt, (noch) eine ziemlich entspannte und verhältnismäßig „angenehme“ Situation als queere Community für eine Stadt dieser Größe – was insgesamt beeindruckend ist. Wenn ich mir aber die Ergebnisse der letzten Wahl aus der Städteregion angucke, bei der in der Eifel eher Blau gewählt wurde und Randbezirke sich auch nicht unbedingt durchweg progressiv darstellten, wird es mir etwas mulmig.
Und ja, das sage ich, OBWOHL die Gelder für die queere Szene Anfang des Jahres gestrichen worden sind und hart dafür gekämpft, diskutiert und gestritten wurde, um sie wiederzubekommen. Die Vereine und Gruppen brauchen diese Mittel, um ihre Angebote zu finanzieren und einen CSD mit zugehörigem Rahmenprogramm überhaupt möglich zu machen.
Vielen Menschen außerhalb der Community ist nicht bewusst, mit welchen Themen, Biografien und Erfahrungen wir in unserem Werdegang konfrontiert werden. Wie auch, wenn wir uns den Großteil der Zeit in unser Zuhause, Saferspaces und unsere queere Bubble zurückziehen.
Immer wieder – egal ob im Alltag, in der Freizeit oder auf der Arbeit – müssen wir uns, gewollt oder ungewollt mit Konfrontationen oder Diskriminierung auseinandersetzen. Dabei spreche ich hier erstmal nur von den „harmloseren“ Erlebnissen – und das meine ich nicht geringschätzig. Von Alltagsdiskriminierung, struktureller Benachteiligung oder Vereinnahmung in Wort und Sprache, von sozialer Ausgrenzung, Sanktionierung oder alltäglicher Belästigung.
Versteht mich nicht falsch: Auch das hinterlässt Narben oder kann krankmachen, kann langfristig ängstigen und verunsichern; Depressionen und Zweifel erzeugen; daran hindern, sich selbst zu verwirklichen und einfach nur der Mensch zu sein, der man eigentlich sein will. Mit allen Zielen und Wünschen, die dazu gehören. Doch das Erlebte paralysiert und hemmt, macht Entwicklung gefühlt unmöglich.
Wenn ich aber dagegen von den schlimmsten Fällen spreche, dann spreche ich auch von (körperlichen) Gewalttaten: von Sachbeschädigung und Einbrüchen; von Bedrohung oder Verfolgung; von körperlichen Übergriffen und physischer Gewalt; von öffentlicher Diskriminierung; von fehlender Solidarität und dem nagenden Gefühl des Alleingelassen-Seins; und vielleicht auch davon, im Nachgang von Institutionen nicht angemessen begleitet zu werden. Wir alle wissen, dass nahezu alle von uns mindestens eine dieser Erfahrungen schon erleben mussten.
Eine Meldestelle, das Dunkelfeld aufhellen, Fakten schaffen
Am 13.07. haben die vier Melde- und Informationsstellen für Diskrimierung in NRW, die letztes Jahr im März online gegangen sind, ihren Bericht für das Jahr 2025 vorgestellt. Die entsprechenden Links findet ihr am Ende. Die Fakten sind relativ klar: Rassismus und Diskriminierung nehmen zu. Insbesondere die Gewalt gegen Queers steigt. Budgetkürzungen werden die Angebote, die es gibt, gefährden – oder haben bereits entsprechenden Schaden angerichtet (siehe die Streichung der Finanzierung des Jugendnetzwerks Lambda). Aachen ist hierfür Anfang des Jahres ein Paradebeispiel gewesen. Mit der Haushaltssperre, die nach wie vor ausgerufen ist, ist die Perspektive für das kommende Jahr nicht besser. Nach meiner Einschätzung wird es sogar kritischer.
Durch meine Tätigkeiten in der Community bin ich auch mit dem Queeren Netzwerk NRW in Kontakt gekommen, darüber auch mit der MiQ (der Meldestelle für Queerfeindlichkeit). Auch sie wird (teilweise) durch öffentliche Gelder gefördert. Bei der aktuellen Perspektive frage ich mich ehrlich, ob Kürzungen in diesen Bereichen nur willentlich in Kauf genommen oder nicht doch mit der Absicht durchgezogen werden, um das Angebot gezielt ausbluten zu lassen. Mit der Konsequenz, dass die Hilfen und Unterstützung für Menschen mit queeren Hintergründen immer weniger Unterstützung bekommen, bis es keine Anlaufstellen, keine Netzwerkarbeit und keine Hilfsangebote mehr gibt.
Insgesamt weiß niemand, wie die Perspektive für die Zukunft aussieht. Es wäre schade, wenn solche Angebote und mit ihnen – meines Erachtens essenzielle – Projekte verloren gehen. Vor allem, wenn ich die lauter und stärker werdende Kritik des undemokratischen Parteienspektrums höre.
Schönwetteraktivismus in stürmischen Zeiten
Fakt ist: Offiziell ist der Pridemonth durch, der Juni ist vorbei. Es stehen noch CSDs in ganz Deutschland an – ja, vor allem hier bei uns in Aachen. Aber ich frage mal ganz provokant:
Reicht es heutzutage noch, auf eine Partydemo zu gehen?
Reicht es, sich in die „Schutzräume“ der Vereine zurückzuziehen, die sich ihre Räumlichkeiten vor vielen Jahren oder in den letzten Jahren hart erkämpft haben?
Reicht es, ab und zu auf eine Party, eine Lesung oder Ähnliches zu gehen?
Reicht es zu sagen „Wir sind eine Community“ und diese Monstranz vor sich herzutragen?
Ich kritisiere gerne öffentlich große und kommerzielle Veranstaltungen, die eher auf Kommerz statt auf inhaltliche Auseinandersetzung zielen. Aber ich würde niemals persönliches und ehrliches Engagement anzweifeln. Doch davon sehe ich aber immer weniger.
Wenn ich mir anschaue, was bisher in diesem Jahr schon gelaufen ist, hört sich dieser Satz mit der Community immer häufiger wie eine hohle Phrase und nicht wie ein Schlachtruf an. Es gibt einige wenige, die versuchen, so viel für diese Community zu erreichen wie möglich: die planen, mobilisieren, veranstalten, herausgeben, präsentieren, aufbauen, beraten und sich dabei mit begrenzten Mitteln verausgaben.
Ich erlebe Menschen, die viel wollen und dafür ihre Kapazitäten ausreizen. Ich erlebe Menschen, die nicht wissen, was sie tun können, wollen oder sollen oder die schlicht nicht wissen, wo und wie sie sich engagieren können. Eine niedrigschwellige Übersicht der Angebote und Anlaufstellen, die darüber aufklärt, wie Menschen sich engagieren können, wäre ein willkommener Anfang.
Stattdessen erlebe ich immer häufiger, wie sich Passivität breitmacht. Ich erlebe immer häufiger, dass ein gemachtes Nest sich angenehmer anfühlt, als auf die Straße zu gehen. Ich erlebe immer wieder, dass das Besuchen von Cafés und Spieleabenden schöner ist, dass regelmäßige Vereinsangebote – völlig egal, ob regelmäßiger Sport, Bar- oder Eventabende – schöner sind als Standbetreuungen und Demobesuche.
Ebenso erlebe ich, dass die Schönwettergesellschaft unserer Community es zu bedrohlich und anstrengend findet, bei drohendem Regen und Gewitter draußen Gesicht zu zeigen – und damit letztlich den Community-Gedanken aufs Spiel setzt. Dass persönliche individuelle Bedürfnisse so hoch priorisiert werden, dass der kollektive Gedanke der Solidarität dahinter verloren geht.
Ebenso erlebe ich immer wieder, dass es einfacher ist, Vorwürfe zu äußern und mit dem Finger auf andere zu zeigen, als sich auf einen offenen Konflikt und die damit verbundenen unangenehmen Gespräche zur Klärung einzulassen. Oder bei Bekanntwerden von Schwierigkeiten aktiv auf die Gruppen oder Personen zuzugehen und zu fragen: „Hey – was brauchst du gerade von mir? Was braucht die Community von meiner Seite, um zu funktionieren und weiterzukommen?“
Oder, mit noch mehr Pathos: „Frag nicht, was die Community für dich tun kann – frag, was du für die Community tun kannst!“
Alles hat seine Gründe – aber wir können mehr
Versteht mich bitte nicht falsch: ich verstehe, dass Menschen nur begrenzte Kapazitäten haben. Ich verstehe, dass Menschen Angst vor Sichtbarkeit und/oder Ausgrenzung in der Öffentlichkeit haben. Ich verstehe, dass der sichere Hafen sich besser anfühlt als die Ungewissheit. Ich verstehe, dass niemand Lust hat, sich vor Menschen zu positionieren, die im Zweifel bereit sind, mit Steinen zu werfen.
Aber stabiler Rückhalt, ein gemachtes Nest oder ein sicherer Hafen sind keine Selbstverständlichkeit. Sein zu dürfen, wer wir sein wollen, uns für das zu engagieren, was und wen wir lieben; gesund mit uns, unserer Psyche und unserem Körper umgehen und leben zu können: Das alles sind hart erkämpfte Privilegien – und selbst diese gelten noch längst nicht für alle und sind womöglich nicht von Dauer. Um all diese Dinge zu erhalten, braucht es Engagement und Solidarität.
Zu jeder Zeit. Überall.
Denn Zusammenrücken und miteinander Schulter an Schulter stehen und laufen ist halt nichts, das nur einmal im Jahr bei Paraden oder Demonstrationen funktioniert. Jede Form von Engagement ist eine Bereicherung. Jede Form der Unterstützung ist ein Beitrag, mit dem das Zusammenleben mitgestaltet werden kann. Und wenn wir das erhalten wollen, müssen wir halt mehr tun, als uns gelegentlich wohlzufühlen, zu feiern, zu konsumieren und uns zu echauffieren.
Egal ob ihr (noch) in Aachen wohnt oder die Stadt bereits verlassen habt: Ihr kennt euch und eure Bedürfnisse. Ihr kennt die Stadt und wisst, was möglich ist. Ihr wisst, was euch bewegt und was die Community braucht. Was unsere Zivilgesellschaft braucht. Ihr habt wertvolle Erfahrungen, Eindrücke und Ideen. Ihr habt Vorstellungen, Stärken, Talente und Wünsche.
Ich fordere euch auf: Zeigt sie! Wenn nicht jetzt, wird es irgendwann zu spät sein.
Linksammlung:
https://lambdaspace.de/lambda-retten/#brief
https://taz.de/Jugendnetzwerk-Lambda/!6192551/
https://queeres-netzwerk.nrw/unsere-arbeit/#arbeit
https://diskriminierung-melden.nrw/
DINA NRW für Antiziganismus / Antiromanismus: https://dina.nrw/de
MEDAR NRW für antimuslimischen Rassismus: https://medar.nrw/de
MIQ NRW für Queerfeindlichkeit: https://www.miq.nrw/de/about-us#behindMiq
https://www1.wdr.de/politik/politik-in-nrw/diskriminierung-meldestellen-nrw-jahresberichte100.amp
https://diskriminierung-melden.nrw/publikationen/
MIRA NRW für anti-Schwarzer, antiasiatischer und weiterer Formen von Rassismus: https://mira.nrw/de