Interview mit Rapperin Finna

von Fiene Kölb und Judith Vogt

Finna am 24.4. in Aachen

Rainbow: 2022 ist dein Debütalbum „Zartcore“ erschienen – du singst darin über feministische und politische Themen von diskriminierenden Körperbildern bis hin zur Klimakrise. Hat sich die Welt, die Gesellschaft, über die du rappst, seitdem verändert?

Finna: Nicht zum Positiven auf jeden Fall. Der Rechtsruck ist schlimmer geworden, für trans Personen wird es trotz Selbstbestimmungsgesetz gefährlicher. Manchmal frage ich mich: Wie lange haben wir noch? Ich versuche, ein positiver Mensch zu sein, aber vieles verändert sich zum Negativen, auch Körperbilder, Frauenbilder, ich denke da an skinny tok, an Trad Wives. Umso wichtiger ist es, dagegenzuhalten. Aber auch da sehe ich immer mehr Leute, mit denen ich Seite an Seite für eine queerfeministische Utopie kämpfen kann.

Rainbow: Dein erste Song war „Musik ist Politik“: Man merkt, dass es dir wichtig ist, mit deiner Musik Inhalte zu transportieren. Glaubst du, dass deine Musik ein safer space sein kann?

Finna: Die Konzerte auf jeden Fall. Wenn ich Headliner bin, dann ist das ein toller Ort. Neulich schrieb mir ein lesbisches Paar, dass sie sich beim Konzert kennengelernt haben und jetzt heiraten! Ich freue mich über die Möglichkeit, Leute zusammenzubringen, die eine ähnliche Message hören wollen. Ob die Musik selbst ein safer space ist? Nicht für weiße cis hetero boys, die scheiße sind. Aber Allies sind safe und gehören dazu! Manche lernen Lebensrealitäten ja auch durch die Musik verstehen.

Rainbow: Was bringst du am 24.4. mit nach Aachen?

Finna: Liebe, Zartcore-Power, die man spüren kann. Ich erzähle immer, was passiert ist, wie meine Tagesform ist. Ehrliche Perspektiven auf die Bühne bringen ist mir sehr wichtig, gemeinsam machen wir dann das Beste draus! Ich hatte auch schon Konzerte an tragischen Tagen, wo man vielleicht vor allem zur Demo wollte, dann versuchen wir, das auch möglich zu machen. We are all in this together, wir versuchen, Gemeinsames möglich zu machen. Ich freue mich auf alle, die kommen.

Rainbow: Du warst im letzten Jahr beim Aachener CSD dabei – wir mussten leider während deines Auftritts wegen Unwetter abbrechen. Warum sind CSDs gerade in dieses Zeit wichtig?

Finna: Wir haben noch so viel vor! Wir müssen noch viele Leute erreichen und als Allies gewinnen. CSDs sind Orte, an denen wir als queere Personen zusammenkommen – sie sind nicht immer sicher, weil sie öffentlich sind, aber wir sind zusammen und sichtbar. Das ist unfassbar wichtig. Weil die Sichtbarkeit auch viel Empathie auslöst. Gerade bei CSDs mit ihren Infoständen, wo man sich informieren kann, wenn das Thema noch ganz neu ist und auch für Leute, die sich noch nicht trauen, out zu sein. Bei den CSDs in kleineren Orten ist oft auch so eine ganz besondere Kraft, wenn Leute sich zum ersten Mal als queer zeigen. CSDs sind mehr Demo als Party: Die vereinte Kraft der Partypolitik!

Rainbow: Wir sind als Rainbow eV. eine Art Dachverein für die Queere Community in Aachen. Was bedeutet Community für dich?

Finna: Community ist Zuhause, egal, wo ich hingehe. Ein bewegliches Zuhause.

Rapperin Finna sitzt in rosa Kleidung auf einem Absatz vor rosa Hintergrund
Foto (c) Katja Ruge

Queer und Mutter

Rainbow: Du beschreibst dich selbst als fette queere translesbische Mutter. Wie safe fühlst du dich damit, öffentlich queer und Mutter zu sein?

Finna: Das ist manchmal schwierig, es gibt nicht so viele sichtbare queere Mütter.  Manche schämen sich dafür, mal hetero gedatet zu haben, nicht queer genug zu sein, was natürlich Quatsch ist. Durch den „Mudda“-Song hab ich gemerkt, dass ich nicht allein bin, wir sind viele queere Mütter und they-thems in Elternschaft! In der Kulturbranche werde ich oft gefragt: „Wo ist dein Kind gerade?“ Da wird diese Verteilungsgerechtigkeit von Zeit gar nicht mitgedacht, das empfinde ich als anstrengend. Viele denken es nicht mit. Aber das hat sich auch gebessert, ich fand es am Anfang schwieriger, meine Tochter mitzunehmen. Aber viele Festivals haben jetzt Kids’ spaces.

Rainbow: Gibt es etwas, das du anderen queeren Müttern raten – oder vielleicht eher wünschen – möchtest?

Finna: Ich würde mir wünschen, dass wir mehr beieinander stehen und füreinander da sind, uns mehr vernetzen. Dann können wir auch gemeinsam zeigen, was wir brauchen. Und Care-Arbeit füreinander übernehmen – oder es auch mal den cis Allies überlassen!

Rainbow: In „Overscheiß“ rappst du zur Mode-Industrie und ihrer Fokussierung auf dünne Körper. Magst du uns ein bisschen was zum Thema Body Positivity“ erzählen – wie stehst du zu dem Begriff?

Finna: Er ist Ausdruck eines Wunschs, positiv mit dem Körper umzugehen. Es ist nicht einfach und auch nicht realistisch, das immer zu können. Aber ich finde es schön, den Gedanken dieser Utopie weiterzutragen, sich dafür zu öffnen, dass man vielfältig glücklich in Körpern sein kann.

Rainbow: Kann der Begriff in der zunehmend faschistoiden Körperästhetik der sozialen Medien noch etwas bewirken oder ist der Zug abgefahren?

Finna: Leuten fällt jetzt auf einmal wieder auf, dass fette Vorbilder fehlen und dass das problematisch sein könnte. Aber nur vereinzelt: Es ist un-anerkannt, einer anderen Körperform zu entsprechen. Sorge macht mir das auch in Bezug auf meine Tochter, auf die Generation, die sich jetzt wieder zu fett findet, die Mobbing fürchtet. Es braucht fette Vorbilder, die gebucht werden auf Fashion Shows, für Werbung. Nicht idealisierend, sondern normalisierend.

Rainbow: Frustrierend, dass wir immer so schnell wieder im Urschlamm ankommen und alles vergessen, was wir schon erarbeitet hatten.

Finna: Jemand hat mir mal gesagt: Wir bewegen uns nicht im Kreis oder in Wellen, sondern in Spiralen, es kommt wieder, ist aber nicht dasselbe. Das gibt mir etwas Ruhe.

Community-Projekte im Feminist Rap

Rainbow: Du machst viele Gemeinschaftsprojekte mit anderen Künstler*innen. Ganz platt gefragt: Fahren Männer in der deutschen Rap-Szene eher Ego-Nummern und FLINTA* solidarisieren sich mehr – oder ist das jetzt ein Vorurteil?

Finna: Das Solidarisieren entsteht nicht nur aus Liebe, es ist notwendig, um gegen die patriarchalen Zustände im Deutschrap anzukommen. Es gibt leider auch genügend FLINTA* im Deutschrap, die Ego-Nummern fahren. Ich mach es seit 10 Jahren, ich gucke immer, wenn ich eine Tür auftrete, dass ich noch mehr Leute mit reinnehme.

Rainbow: Erzähl uns gerne was zu deinen Projekten und den beteiligten Künstler*innen!

Finna: Gerne! Mit Rahsa hab ich einen Track gemacht „Riot Feminist“, Tigrrez Punch ist super – beide sind nichtbinär. JNNRHNDRXX ist eine richtige Bombe.

Rainbow: Sie kommt auch zum CSD!

Finna: Ach, mega! Queenwho, Alice Dee, Nala Urkid, Sookee natürlich bzw. mittlerweile Sukini mit ihrem Kinderprojekt. Lena Stoehrfaktor ist auch megatoll, eine lesbische Rapperin aus Berlin mit ganz anderem, erfrischendem Frauenbild.

Rainbow: Ist ein weiteres Solo-Album geplant?

Finna: Ja! Es ist noch nicht da, wir sind gerade dran. Ich habe eine Förderzusage bekommen. Ich kann noch nicht genau sagen, wie lange es dauert, aber in zwei Monaten geht wahrscheinlich alles ins Mastering. Ich bringe in Aachen schon ein paar neue Tracks mit!

Rainbow: Scherzfrage: Du hast unter anderem ein Feature mit Schrottgrenze, unserem diesjährigen Headliner des CSDs. Möchtest du dieses Jahr wiederkommen?

Finna: Jaaa, ich will unbedingt noch mal wiederkommen! Vielleicht passt es ja, ich trag’s mir in den Kalender ein! Das sollten alle anderen übrigens auch machen!

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Anmerkung der Redaktion: Der CSD ist dieses Jahr am 28.8. und 29.8. auf Katschhof und Markt.

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