Wir haben ein Toleranz-Problem

von Jan Laaser

Liebe Co-Queers und Allies,

das gesamtgesellschaftliche Klima für unsere Community verändert sich gegenwärtig rapide: Es wird kälter für uns.

Erst 2022 brachte die damalige Ampel-Koalition den Aktionsplan „Queer leben” auf den Weg, welcher nun jedoch von der neuen schwarz-roten Bundesregierung wieder beendet wurde. 2024 trat das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft, doch die Kanzlerpartei CDU/CSU hält es für „reformbedürftig“, aber wohl kaum zugunsten genderqueerer Menschen oder Trans-Personen. Der Bundesrat verabschiedete 2025 eine Initiative, wonach Artikel 3 des Grundgesetzes um das Merkmal „sexuelle Identität” ergänzt werden soll, allerdings hat der Bundestag die Bearbeitung dieser Initiative nun auf unabsehbare Zeit in verschiedene Ausschüsse „verbannt”. In den letzten 15 Jahren hat sich die Anzahl queerfeindlicher Straftaten – unberücksichtigt der Dunkelziffer – beinahe verzehnfacht und jüngst war der Berliner CSD Ziel eines tödlichen Terroranschlags.

Ich will euch ganz offen mitteilen: Ich habe Angst. Ich fürchte mich. Ich sorge mich um die Zukunft.

Und dennoch appelliere ich an mich und an euch:

Verstecken wir uns nicht vor lauter Angst! 

Lassen wir uns nicht wegen zunehmender Anfeindungen mundtot machen!

Nehmen wir nicht tatenlos in Kauf, dass andere über unsere Zukunft entscheiden!

Wir können so viel bewirken, indem wir beispielsweise CSDs besuchen, demonstrieren, Regenbogenarmbänder oder Pride-Buttons tragen, uns bei Parteien oder Vereinen oder NGOs engagieren, bei Unrecht zivilcouragiert intervenieren, beim Missgendern oder Deadnamen laut werden, cis-heteronormative Annahmen hinterfragen, die Struggles anderer Queers ernst nehmen und Unterstützung anbieten, in aller Öffentlichkeit mit unseren Partner*innen Händchen halten und ihnen einen Kuss geben, crossdressen, wählen gehen, queerfeindliche Vorfälle bei der MIQ melden u.v.m.

Auch wenn wir uns manchmal angesichts der aktuellen negativen Entwicklungen in unserem Land ohnmächtig fühlen: Wir sind nicht ohnmächtig!

Und wenn wir ab und an das Gefühl haben, einsam zu sein: Wir sind nicht allein!

Und gerade weil wir weder ohnmächtig noch allein sind, sondern alle Teil einer starken, bunten, lauten, vielfältigen, leidenschaftlichen, stolzen, aktivistischen Queeren Community sind, sollten wir uns intensiver um Zusammenhalt und Einigkeit bemühen. Nicht bloß die Cis-Heteros um uns herum müssen uns gegenüber mit Toleranz und Respekt begegnen: Auch wir selbst haben ein deutliches Toleranz-Problem. Und damit meine ich nicht, dass wir Cis-Heteros intolerant begegnen, sondern dass wir Menschen innerhalb unserer eigenen queeren Community oftmals exkludieren, herabwerten, ihre Diskriminierungserfahrungen relativieren oder ihnen ihre Vulnerabilität absprechen.

Einige Queers werden komplett übersehen, v.a. Bisexuelle oder Ace-Personen. Anderen wird wiederum unterstellt, sie seien viel zu privilegiert und erfahren nicht „genug” Diskriminierung, insbesondere cis Schwule und cis Lesben. Außerdem werden Trans-Personen und genderqueere Menschen immer wieder von Cis-Queers ausgegrenzt. Nicht zu vergessen wäre da auch noch das abschätzige Herabschauen auf Menschen, die promiskuitiv oder in einem Polykül leben.

Ich persönlich finde es unerträglich, zuzuschauen, wie wir damit einander nicht bloß gegenseitig Unrecht tun, sondern uns auch selbst massivst schwächen und behindern. Wir können gemeinsam so viel erreichen, wenn wir unsere „Feind*innen“ nicht innerhalb der eigenen Community suchen, sondern außerhalb davon bekämpfen – mit geeinten Kräften. Wir können den Pluralismus unserer vielen verschiedenen queeren Identitäten und Persönlichkeiten als Bereicherung verstehen und so füreinander da sein, uns gegenseitig schützen und bestärken.

Wir alle sind einzigartige Individuen und das ist auch gut so. Wir müssen nicht jede andere queere Person sympathisch finden, geschweige denn als Freund*in bezeichnen. Wir sollten aber anerkennen, dass uns zwei ganz konkrete Tatsachen miteinander verbinden: Jede*r von uns hat als queerer Mensch eine unantastbare Menschenwürde und jede*r von uns ist bedroht durch queerfeindliche Gewalt, Hass und Ausgrenzung. Lasst uns Ersteres feiern und Letzteres bekämpfen – gemeinsam!

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