Zapster ausgebellt

Realitätscheck

Der Sommer ist da, und diesmal zeigt er deutlich, was er vom Klimawandel hält: Er kocht vor Wut! Für alle unter euch, die unter der Hitze stöhnen, hier ein kleiner Trost: Vermutlich die meisten von euch müssen keine hautengen Superheld*innen Outfits tragen. Und falls doch, versucht es mal mit einer Neopren-Maske!

Trotzdem freue ich mich nicht nur über die Sonne und die Möglichkeit, kurze Hosen zu tragen. Mit dem Sommer kommt auch die CSD-Saison. Endlich wieder Demos, Partys, politische Diskussionen, Straßenfeste und Eintreten für unsere Rechte – PRIDE halt. Vor allem aber sieht man die ganzen Queers mal wieder live.

Vielleicht ist live nicht das richtige Wort, aber im Alltag bedeutet es oft „gerade online“. Weiß nicht, wie euch das geht, aber je mehr ich mit Menschen digital Kontakt habe, desto weniger Verbindung fühle ich. Das gilt natürlich besonders beim Dating.

Klar, digitales Daten hat Vorteile. Wenn ich auf einer entsprechenden Plattform bin, weiß ich sicher, dass die anderen vermutlich aus ähnlichen Gründen hier sind. Besser, als wenn ich im Supermarkt jemanden ansprechen müsste. Klar ist auch, dass ich so eine viel größere Reichweite habe und nicht zig Supermärkte ablaufen muss. Und so weird es scheint, die Plattformen, zumindest die guten unter ihnen, erlauben uns auch mit etwas Scrollen einen Blick auf die inneren Werte. Ich kann in einen Profiltext schreiben, was ich am liebsten esse, ob ich forsch oder dominant bin usw. Wenn auch viele behaupten, die inneren Werte zählen, so ist doch der erste Kontakt im RL immer äußerlich. Schließlich kann ich trotz Supersinnen nicht sehen, welche Serien mein Gegenüber am liebsten schaut.

Und trotzdem ist das Digitale nicht echt. Die Angaben können wahr oder falsch sein, wer weiß? Bestenfalls bieten sie uns ein grobes Gerüst, bilden aber keine vollständige Person ab. Wir packen unser eigenes Gedankenfleisch auf diese virtuellen Knochen und konstruieren in unserem Kopf einen Menschen daraus. Wenn dieses Konstrukt dann nicht der Realität entspricht, ist die Enttäuschung oft groß. Oder aber wir schreiben gar nicht erst, weil wir denken, die andere Person und ich sind nicht in derselben Liga!

Bei manchen scheint das Ganze so weit zu gehen, dass sie sich die Mühe mit dem Gedankenfleisch gar nicht erst machen. Sie schreiben nicht mit Menschen, sondern mit Profilen. Alles wird eingedampft auf das Minimum an Angaben, das die Mühe wert ist, gelesen zu werden. Ist der passende Punkt erreicht, kommt ein Kontakt, als wäre das Gegenüber nur ein lebloses Konstrukt. Und zur Not wird einfach geghostet. Passend dazu wird der Aufwand auf der anderen Seite maximal reduziert. Facts über mich selbst, ein aussagekräftiger Text oder gar ein Foto sind doch nicht nötig.

Ah, vielleicht doch! Am besten eins im Ghibli Style, KI-generiert, ich als Cartoon, noch was schlanker, die Brille weg und schon … Schon ist es genau das: ein lebloses Konstrukt, zusammengeschustert aus möglichst passendem generischem Material, wie alles, was KI produziert.

Yep, auch ich finde Videos süß, in denen ein Elefant einen Leoparden vor dem Ertrinken rettet. Aber diese Bilder erschüttern unser Vertrauen in den virtuellen Raum. Sie nehmen uns den Glauben an die Wahrheit. Genug Thema für eine eigene Kolumne, aber für heute zurück zum CSD: Ich werde es genießen, Menschen zu treffen, echte Menschen – alles real. Jemanden wirklich kennenzulernen ist ja auch immer eine spannende Entdeckungsreise bei der schrittweise all unsere Sinne aktiviert werden können. Wie der andere Mensch riecht, wie sich seine Haut anfühlt oder wie sein Lachen klingt, kann mein Hirn nicht konstruieren – und es passt in keinen Fragebogen.

Wir haben so dafür gekämpft, sichtbar sein zu dürfen. Wozu sollten wir aus dem Schrank gehen, um uns dann hinter virtuellen Konstrukten zu verstecken?

In diesem Sinne, be proud und lasst euer Licht leuchten! Zapster hat ausgebellt für heute.

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