
von Stefan Herpertz
Die Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933–1945“ hat mich tief bewegt – nicht nur wegen der erschütternden Geschichten aus der NS-Zeit, sondern auch wegen eines Moments vor der Tür. Während ich die Ausstellung in Hannover besuchte, parkte draußen ein AfD-Parteifahrzeug. Dieser Anblick ließ mich frösteln. Drinnen im geschützten Raum des Niedersächsischen Landtags las ich von Entrechtung, Ausgrenzung und Gewalt gegen queere Menschen im Nationalsozialismus – draußen in der ungeschützten Öffentlichkeit begegnete mir eine Partei, deren führende Köpfe sich schamlos offen gegen queeres Leben äußern.
Sorgen begleiteten mich beim Besuch der Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1345“, die sich mit der Verfolgung queerer Menschen im Nationalsozialismus beschäftigt. Was ich dort gesehen und gelesen habe, hat mich tief getroffen – klar, auch wegen des historischen Unrechts, vor allem aber wegen der erschreckenden Parallelen zur Gegenwart.
Alltäglich erlebe ich in den sozialen Medien eine zunehmende Aggression gegenüber queeren Menschen. Der Ton wird rauer, hämischer, ablehnender – und das nicht mehr nur am rechten Rand. Aussagen wie „Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber…“, oder: „von mir aus kann jeder leben, wie er will. Mich nervt nur, dass das permanent in der Öffentlichkeit gezeigt werden muss“ sind längst in der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“ angekommen. Es macht mir Angst zu beobachten, wie sich die hart erkämpfte Aufklärung und Toleranz der letzten Jahrzehnte aufzulösen scheint – schleichend, aber spürbar.

In der aktuellen politischen Entwicklung stehen rechtsradikale Parteien und Gruppen, die in sozialen Medien und auf politischen Bühnen offen gegen queere Lebensentwürfe hetzen. Ihre Rhetorik erinnert in erschreckender Weise an die Entmenschlichung und Bedrohung, die auch in den 1930er-Jahren vorausgingen – damals wie heute, oft eingekleidet in das Gewand vermeintlicher „Normalität“ oder „Meinungsfreiheit“.
Vor dieser Entwicklung bekommt die Ausstellung der Magnus Hirschfeld Stiftung mit ihrer Dokumentation der historischen Aufarbeitung des Lebens und Leidens queerer Menschen während des Nationalsozialismus eine erschreckend aktuelle Bedeutung. Sie beleuchtet nicht nur, wie Netzwerke, Treffpunkte und kulturelle Räume queerer Menschen systematisch zerschlagen wurden, sondern auch wie homosexuelle, trans* und andere nicht-hetero- und nicht-cis-normative Personen zwischen 1933 und 1945 verfolgt und durch Gesetze wie den §175 StGB kriminalisiert, entrechtet, inhaftiert und einige final ermordet wurden.

Die Ausstellung zeigt mit historischen Belegen das Schicksal queerer Menschen während der NS-Zeit. Zeitzeugenberichte, historische Dokumente und persönliche Gegenstände schaffen eine emotionale Verbindung zu den Betroffenen und machen das Unrecht greifbar. Die Ausstellung klärt nicht nur über Repressionen auf, sondern zeigt auch Momente von Widerstand, Überleben und Solidarität. Biografien queerer Menschen aus der NS-Zeit werden in den Vordergrund gerückt, mit Fotos, Briefen oder Tagebuchauszügen und schaffen Nähe und Empathie, jenseits bloßer Zahlen oder abstrakter Fakten.
Besucher*innen werden nicht nur mit Fakten konfrontiert, sondern aktiv angeregt, Parallelen zwischen damals und heute zu erkennen. Fragen wie „Welche Formen von Diskriminierung gibt es heute noch?“ oder „Wie wird queeres Leben heute geschützt oder gefährdet?“ ziehen eine direkte Verbindung zur Gegenwart. Stimmen queerer Menschen von heute schaffen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der Betroffenheit und Aktivismus sichtbar macht.
Trotz ihrer etwas zu akademischen Ausrichtung füllt die Ausstellung eine wichtige Lücke in der Erinnerungskultur und regt dazu an, über die Kontinuitäten von Diskriminierung bis in die Gegenwart nachzudenken.
Die Stiftung
Die Magnus Hirschfeld Stiftung ist Initiatorin und Organisatorin des Projekts, das die vielfältigen Lebensgeschichten queerer Menschen während des Nationalsozialismus beleuchtet. Die Stiftung übernimmt die inhaltliche Konzeption, Koordination und Produktion der Ausstellung, unterstützt von einem Team aus Kuratierenden und Fachleuten. Die Ausstellung ist ein wichtiger Bestandteil der erinnerungspolitischen Arbeit der Magnus Hirschfeld Stiftung. Mit ihrer Wanderausstellung erreicht die Stiftung ein breites Publikum in Deutschland und international, indem sie Stationen an verschiedenen Bildungs- und Gedenkorten organisiert.
Weitere Hinweise
Die Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ wird 2026 an verschiedenen Orten gezeigt. Termine hierzu finden sich unter
https://mh-stiftung.de/projekte/ausstellung-gefaehrdet-leben/ausstellungskalender/
Weitere Termine zu dieser Wanderausstellung sind bereits in Planung. Eine Ausführung von „gefährdet leben“ ist außerdem noch bis zum 5. Juli 2026 in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf zu sehen. Der Eintritt ist frei.
https://xn--gedenkstttedsseldorf-izb64c.de/veranstaltungen-2/sonderausstellung/
Quellen und Links
Hilfreiche und vor allem interessante Informationen zum Thema finden sich unter:
https://mh-stiftung.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Schmitz_(Literaturwissenschaftler)
https://edition-aixact.de/wege-gegen-das-vergessen/wethe-six-million-ausgabe-2/
https://www.schwulesmuseum.de/besuch/
https://www.stiftung-gedenkstaetten.de/themen/onlineausstellungen/rosa-winkel/homosexuelle-haeftlinge-inden-konzentrationslagern-buchenwald-und-mittelbau-dora